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Wir schreiben das Jahr 1849, in Ganz England sind die dampfbetriebene Maschinen, die so vieles einfacher machen, unverzichtbar geworden. Alle freuen sich über die Dampflokomotiven, die selbst webenden Webstühle und vieles mehr. Sehr ändert dies allerdings nichts an der Situation, dass in Fabriken Menschenleben riskiert werden, um weitere dieser Maschinen zu bauen. Steampunk nennen die Leute die dampfbetriebene Zukunft. Doch... irgendwo, in einer scheinbar verfallenen Fabrik, die in einem der armen Viertel Londons steht, werden keine Menschenleben für technische Fortschritte zerstört. Dort geht es nämlich... anders zu.

Zischen und Rattern erfüllte die Luft, die die arbeitenden Gestalten umgab. Fließbänder, auf denen Teile aus Eisen transportiert wurden, erstreckten sich durch die ganze Halle. Die Bewegungen der Arbeiter waren wie einstudiert, in genau der gleichen Geschwindigkeit setzten sie die eisernen Teile zusammen, befestigten sie mit Nieten oder schmolzen sie in gigantischen Schmelzöfen ein. Der von überall strömende Dampf behinderte einem extrem die Sicht. Man erkannte nur menschenähnliche Silhouetten. Die vielen Geräusche vereinten sich zu einem über alles dominierenden Lärmpegel. Dennoch ließen sich die Arbeiter davon nicht stören. Und der Grund, warum dem so war, wurde einem erst dann wirklich klar, als aus einer der Gestalten Funken zu sprühen begannen. Geräusche, die kein menschliches Wesen erzeugen könnte, stieß diese aus, zuckte unkontrolliert, brach nach einigen gnadenlosen Momenten schließlich zusammen und fiel auf eines der vielen Fließbänder. Die restlichen Arbeiter reagierten ruhig, nahmen den leblosen Körper nicht einmal von der Arbeitsfläche. Stattdessen bauten sie ihn vollkommen automatisch auseinander. Aus den Ritzen, die das vernietete Eisen und Kupfer aufwies, sickerte etwas Dickflüssiges. Man hätte meinen können, dass es sich um Blut handelte, doch es war nichts dergleichen. Das, was aus den Spalten floss, war Öl, gemischt mit Wasser. Die Arbeiter bauten einen Roboter auseinander. Sie alle waren Roboter. Emotionslose, kalte, von Menschen erschaffene, Roboter. Die Außenwelt kannte sie nicht. Denn kein Außenstehender durfte von ihnen erfahren. Der, der sie erschaffen hatte, war irgendwer. Ein Niemand vermochte seinen Namen zu kennen. 

Ein dumpfes Klicken erklang, langsam öffnete sich eine schwere Tür. Das erschallende Knarren übertönte in der Lautstärke sogar den Lärm der arbeitenden, Dampf ausstoßenden Roboter. Sie reagierten, indem sich die metallenen Schädel aller ruckartig und doch unheimlich synchron in die Richtung des Geräusches wandten. 

Mit langen, eleganten Schritten kam ein Mann mittleren Alters seinen Schöpfungen näher. Tief in sich spürte er Macht. Macht, die viel zu groß geworden war. Der Mann wusste, dass er die perfekten Sklaven erschaffen hatte. Als er dem Geschehen nahe genug war, erblickte er abschätzig die herumliegenden Einzelteile des zerstörten Arbeiters. „Und wegen so einem Schrott bricht ihr eure Arbeit ab?", lächelte er scheinbar freundlich, ohne zu zögern ergriff er den Hals eines Roboters. Sein Arm zuckte kurz, es erklang ein schreckliches, viel zu lautes, markerschütterndes metallisches Krachen, der Kopf der humanuiden Gestalt flog in einem hohen Bogen fort, landete scheppernd auf dem harten Boden. Der restliche Körper sackte einfach leblos zusammen, während alle anderen Roboter einfach wieder ihrer Arbeit nachgingen. Wobei... Fast alle anderen. Einer der vielen Metallkreaturen blieb stehen, starrte mit seinen mechanischen Augen auf die nun leblosen Metall und Kupferteile. „Meister?" Die scheppernde Stimme der Gestalt drang kaum durch die vielen anderen Geräusche, die nach wie vor die Luft erfüllten. Der Blick, mit dem der Namenlose seine Schöpfung bedachte, war alles andere als gütig. Eine eisige Kälte, die niemand jemals spüren wollen würde, lag in seinen Augen. Doch der Roboter ließ sich nicht beirren. Er fürchtete sich nicht. Denn das, was die Menschen als Furcht bezeichneten, kannte eine Maschine nicht. Der Roboter blinzelte nicht, da er so was wie Augenlider nicht angebaut bekommen hatte. Starr wie eine Statue stand das Gerät da. „Warum habt Ihr das getan, Meister? War das nicht falsch?" Der Angesprochene grinste kurz. „Weil es Spaß gemacht hat. Und woher willst du verdammtes Stück Blech wissen, was richtig und was falsch ist!? Du hast keine Gefühle. Bist eine Maschine, die nur für einen Grund konstruiert wurde! Und dieser Grund ist Arbeiten! Und jetzt geh' deiner Aufgabe nach, weil ich sonst auch noch dir den scheiß Hals umdrehe!" Mit etwas stockenden Bewegungen ging nun auch dieser Roboter an den ihm zugewiesenen Arbeitsplatz. Es war falsch, was sein Meister tat. Er spürte es, wusste es. Doch der Mensch hatte recht. Der einzige Grund, weshalb er überhaupt existierte, war Arbeiten und den Befehlen des Meisters zu folgen. Und dies tat er auch. Unnachlässig arbeitete er, so wie alle anderen und nachts fand er seine Ruhe für zwei Stunden. Ebenso alle andere seiner Art. Es lag nicht daran, dass sie kraftlos werden würden, viel eher daran, dass sie überhitzen und explodieren könnten. So war es schon einigen ergangen und jedes Mal hatte jeder schweigend und vollkommen mechanisch die teilweise überhitzten oder auch restlos zerstörten Überreste aufgesammelt und eingeschmolzen, um sie zu anderen Zwecken wieder zu verwerten. Denn hier wurde nichts verschwendet.

Schließlich war das, was sie bauten und verarbeiteten, Waffen, die der Unterwelt zugute kommen würden, wodurch ihr Erschaffer das Geld für mehr Eisen und Kupfer beschaffen konnte. 

Der Roboter, der den Meister kritisiert hatte, saß still auf einer umgedrehten Kiste. Dachte. Er tat das, was eigentlich keiner von ihnen können sollte. In sich spürte die Maschine etwas, das sie ihren ganzen Körper kontrollieren ließ. Sie nannte es für sich selbst ‚Das Zentrum'. Bloß einige dampfbetriebene Zahnräder und Riemen, doch der Roboter spürte eindeutig, dass da mehr als nur Technik war. „STR- 7. Überhitzungsgefahr." Monoton sprach ein weiterer Arbeiter. Still ließen alle Steampunk Roboter ihren Dampf ab, welcher gezwungenermaßen entstand, da sie nur dadurch funktionierten. Bei allen öffnete und schloss sich das Dampfablassrohr automatisch, STR-7 hingegen musste dies bewusst erledigen. Die Maschine öffnete das dazugehörige Ventil, augenblicklich trat eine Unmenge an Dampf aus dem Ablassrohr heraus. Die Luft war für eine kurze Zeit eingedeckt in einem reinen Weiß. STR-7 registrierte seine Umgebung, sah durch die Linsen an seinem Schädel bloß unscharfe Finsternis und die kaum erkenntlichen Umrisse der anderen Arbeiter. Viele standen einfach nur da oder saßen, so wie er. Wobei man dem Roboter, der Maschine, kein Geschlecht zuteilen konnte. Keiner von ihnen hatte eines. Konstruiert waren einige zwar wie ein weiblicher Mensch, dennoch war das Verhalten aller exakt gleich. Bis auf das von STR-7. Die Abkürzung stand für Steampunk Technical Robot. Die Zahl war einfach nur dafür da, um den Roboter selbst zu bestimmen. 

Die Maschine wandte sich wieder seinen Gedanken zu. Er wusste, dass mit ihm etwas nicht stimmte, spürte, dass seine Schaltkreise etwas anderes taten, als sie eigentlich sollten. Langsam, zischend, ließ er wieder Dampf ab und bewegte die kupfernen Finger. Es war eine sanfte Bewegung, das völlige Gegenteil von dem, was die Maschinen tatsächlich waren. Leise knackend legte STR-7 seinen glänzenden Kopf in die zahlreichen Gelenke aus Kupfer, Bronze und Eisen, die sein Genick darstellten. Er wollte es wissen. Wollte wissen, was es bedeutete, Gefühle zu haben, zu fühlen, Freude zu empfinden oder auch zu lieben. Jedes Mal, wenn sie wieder eine Ladung Waffen gebaut hatten, die eine Menge Geld eingebracht hatte, zuckten die Lippen ihres Erschaffers. Lächeln. Das war das Wort, das diese unglaublich schöne Geste beschrieb. STR- 7 versuchte es, versuchte, die silbernen Mundwinkel nach oben zu ziehen. Die verschweißten Nieten ließen dies jedoch nicht zu. Kein Zahnrad war angebaut, um Regungen in dem metallenen Gesicht zu erzeugen. Wieder ließ das Ablassrohr Dampf ab. Gefühle selbst zu erzeugen, konnte doch nicht so schwer sein, oder? Ein Mensch hätte nun Mut gespürt, etwas Wärme in seinem Inneren oder eine ähnliche Regung. Doch das einzig Warme im Roboter, war der Dampf, den er ablassen musste, bevor er explodieren würde. 

Nie hätte ich gedacht, dass mein Ziel, das ich mir vor so vielen Jahren gesetzt hatte, so schwer zu erreichen war. Mein Erschaffer war nach einigen Wochen schließlich doch aufgeflogen, da einer seiner Kunden ihn verraten hatte. Er landete wegen seinem illegalen Schwarzmarkthandel am Galgen, alle mechanischen Arbeiter wurden augenblicklich vernichtet. Der letzte, noch eingeschaltete, Steampunk Technical Robot war... Ich. STR-7. Der Roboter, der niemals einfach nur seinen Nutzen erfüllen wollte. 

Dass ich mein Ziel niemals erreichen würde, war eigentlich von Anfang an klar. Trotzdem wollte ich nie aufgeben. Wollte nicht einsehen, dass ich bloß ein metallener Arbeiter  war. Mein inneres Klicken, meine Zahnräder, der Dampf, der mich betrieb... All das war in mir noch einsatzfähig. Natürlich war es nach einer Weile nicht mehr einfach gewesen, all die nötigen Teile und Utensilien zu beschaffen, die mich an meinem künstlichen Leben erhielten. Doch warum wurde ich nicht zerstört? So wie alle anderen? Der Grund dafür... Nun, ich wehrte mich als einziges, ich wusste im Gegensatz zu den anderen, dass ich zerstört werden sollte, weshalb ich floh. In mancher Hinsicht ähnelte ich also meinem Erschaffer. Denn als er die tödliche Schlinge um seinen Hals spürte, wollte auch er fliehen. Doch es war zu spät für ihn. 

Ich sah seine zappelnde, sich am Leben klammernde Gestalt, die langsam aber sicher vom gnadenlosen Tod empfangen wurde. Die Menge jubelte, ich, in einer dunklen Robe eingehüllt, sodass man mein eisernes Antlitz nicht sah, spürte nichts. Ich regte mich auch nicht. Stand einfach da. Nach wie vor war ich schließlich eine Maschine. Eine Maschine, die niemals hätte ein Gewissen entwickeln sollen,die eigentlich keinen freien Willen haben sollte, eine Maschine, die nur existierte und nicht lebte. Aber ich wollte leben! Mein anfänglicher Wunsch, zu fühlen, hatte sich gesteigert. Was waren denn all diese Emotionen, wenn man nicht lebte? Das war es, was ich wirklich wollte. Leben. Doch ebendies würde ich niemals können. Natürlich könnte ich bis ans Ende der Zeit auf diesem von Gott verlassenen Planeten umherwandern und um ein Leben kämpfen, doch... es würde so oder so zu nichts führen. 

Mit mechanischen Bewegungen führte ich meine Arme zu meinem Schädel. Ich war letzten Endes nicht mehr als ein Haufen Schrott, der zu einem arbeitenden Individuum verschweißt wurde. Ich sank in meine Knie, kauerte mich zusammen.Bedrohlich intensiv spürte ich, dass der Dampf sich in mir ansammelte. Meine Brust wölbte sich unter dem dabei entstehenden Druck. Ich würde diesmal nicht dafür sorgen, dass mein Ablassrohr sich öffnete. Wenn ich schon nicht leben durfte, dann sollte ich meiner Existenz ein Ende bereiten dürfen. Ich glaube, dass ich wohl zu lächeln begonnen hätte, wenn mein Mund dazu in der Lage gewesen wäre.

Wir sind nun im Jahr 2149, eine Baufirma hat das alte, verlassene Gebäude, sowie das anliegende Grundstück billig ersteigert. Der leitende Architekt und sein Assistent beschauen sich das Gebäude und finden einen beinahe vollkommen kupfernen Roboter, dessen Brust aufgeplatzt ist. „Chef, was ist das?", die fragende Stimme des jungen Mannes richtet sich an den etwas älteren Herren. Dieser betrachtet die alte, zerstörte Gestalt. „Scheinbar der misslungene Versuch, einen Androiden zu bauen." Der jüngere Mann nickt verstehend. „Und... was machen wir damit?" Der Chef lacht. „Wegschmeißen! Was denn sonst? Immerhin ist es alt und vollkommen zerstört. Unnütz." Wieder ein Nicken vom Assistenten. „Wird sofort erledigt."